Fritz Letsch 1992 für das Institut für politische Pädagogik in der Bildungswerkstatt Brandenburg, Lindenstrasse 53 in o-156o Potsdam

Emanzipatorische Methoden in der politischen Bildung

Zur Geschichte neuer Arbeitsweisen in den politischen Bewegungen der BRD*


Einleitung
Meine Informationen beginnen mit der Übernahme von neuen Protestformen in den Ostermärschen gegen die Wiederbewaffnung in der BRD in den Fünfziger Jahren und in der darauf folgenden Vietnamkriegs- Auseinandersetzung. Während Erstere vor allem die Straßendemonstration als geordnete Veranstaltung gegen die ersten Wasserwerfer führte, suchten die militanten Kriegsgegner der sechziger Jahre neue Protestformen. „Go in, Sit in, Teach in“ waren die waren die ersten Methoden, die Situation und die Räume wie die Arbeitsweise selbst zu bestimmen und für die eigenen Anliegen zu nutzen.

Mit der Anti-Atom-Bewegung der siebziger Jahre kam dann aus den USA die ganze Breite der "Non-Violent-Actions" in Trainings über den großen Teich. Vor allem im Internationalen Versöhnungsbund, aber auch in der französischen Arche und in einigen ähnlichen Friedenszentren wird die Arbeit an der Durchsetzung gewaltloser basisdemokratischer Politikformen in Bezug auf Ghandi, Martin Luther King und entsprechender Vorbilder weiterentwickelt.

In der breiten Friedensbewegung der frühen achziger Jahre arbeiteten über 30 Trainingskollektive für gewaltfreie Aktion mit den Friedensgruppen, die in allen Städten, Dörfern, Schichten, Berufsgruppen etc. entstanden waren. In Seminaren wurden neben den Prinzipien der Gewaltfreiheit die Ansätze für Aktionen und politische Auseinandersetzungen gemeinsam erarbeitet und aktuell weiterentwickelt.

Begleitet wurden alle neuen Aktionsentwicklungen immer wieder von den Versuchen der in Massenorganisation denkenden DKP, Grünen Politikern und kirchlichen Gruppen, die letztendlich auch Kasernenblockaden als die einzig gültige Form der Gewaltfreien Aktion zum Volksspielplatz machten und eine Weiterentwicklung der Organisations- und Aktionsformen für die breitere Öffentlichkeit verhinderten. Die Vermischung mit den appellativen Formen der Großdemonstration und der Menschenkette machte dem Begriff >Gewaltfrei< in der politischen Diskussion vollends diffus und unbrauchbar.

Antimilitaristische Gruppen hatten dagegen schon Kataloge mit hunderten von exemplarischen Ideen und ausgefeilte Methoden zur Vorbereitung entwickelt. Fanatischer bürgerlicher Ungehorsam hatte auch viel von Management, Public Relations und Politik gelernt. Für die Interessierten gab es die Seminare, die sonst "auf dem Markt" schweineteuer waren, zum Freundschaftspreis.

Gleichzeitig organisierten die Trainingskollektive regionale Forschungs- und Austauschtreffen, die den bundesweiten Zusammenhang in den Regionen zugänglich machten und die Autonomie der Einzelprojekte langfristig sichern sollten.
Mit dem schnellen resignativen Zerfall der Friedensgruppen, die sich von den Appellen einen Stop der Nachrüstung versprochen hatten, standen die antimilitaristischen Gruppen nicht nur wieder allein, sondern auch noch den breiteren ökologischen Problemstellungen gegenüber. Den seelisch belastenden Untergangsvisionen folgte mit der "Wende" nicht eine Widerstandsbewegung, sondern ein breiter Rückzug in Beruf und Privatleben.

Die weitgehend studentisch und von AussteigerInnen geprägten Trainingskollektive reduzierten sich wieder auf einige Friedenszentren und Einzelpersonen, die sich auf Politik, Verbandsarbeit, die breitere politische Bildung und die grün-nahen Bildungswerke verteilten. Viele TrainerInnen landeten in entsprechenden Berufen pädagogischer und therapeutischer Art oder in selbstverwalteten Projekten und Betrieben.
Die Arbeitsformen in den Gruppen entwickelten sich pioniermässig für die entsprechenden Berufe in der BRD, weil sie innovativ die Impulse aus verschiedenen Bereichen aufnahmen, die dort die autoritäre personale und berufliche Struktur veränderten. Natürlich kann es parallel andere Bezüge gegeben haben, können andere Entwicklungen in anderen Regionen stattgefunden haben; ich beschreibe hier den Verlauf in meinem damaligen Münchner Umfeld.

Drei Arbeitsformen davon will ich in der Folge kurz skizzieren, weil sie bis heute Bedeutung in der emanzipatorischen Bildungsarbeit haben: Das Konzept der Themenzentrierten Interaktion, die Zukunftswerkstatt und die Supervision für Gruppen gehören heute zu jeder qualifizierten Sozial-Bildung.
Dazu kamen als kritisches Korrektiv und als verstärkender Impuls politisch klärende Ideen aus den südamerikanischen Befreiungs- und Alfabetisierungsbewegungen: Die Pädagogik der Unterdrückten Paolo Freires als Konzept, das auch der Weltkirchenrat aufgegriffen hat, und das Theater der Unterdrückten als Methodik der befreienden Bildungsarbeit und gemeinschaftlicher Regie. Im Anschluß folgen noch einige Modellskizzen, die in der Arbeit des Institut für politische Pädagogik entstanden sind.

1.) Die Themenzentrierte Interaktion (TZI)

wurde von Ruth Cohn entwickelt und definiert. Was ich hier nur in laienhafter Verkürzung anreisse, ist eine allgemein anerkannte mehrgliedrige Ausbildung mit Qualifikationen geworden. Grundgedanke ist die Trennung der drei Bereiche ICH - GRUPPE - THEMA , damit im Gespräch und in der Arbeit auch jeder Bereich seine Bedeutung behält und nicht in der Vermischung der Interessen gegenseitige Täuschung und Ent-täuschung passieren muß.

ICH GRUPPE THEMA WELT
Sehr oft kommt an dieser Stelle von den WortführerInnen des alten Stils der Einwand, diese Arbeitsweise wäre zu umständlich und bräuchte zu viel Zeit. Damit wird aber nur eine Position verteidigt, die ohne Einfühlung in die Situation der gesamten Gruppe eine - wenn auch freundliche - Herrschaft und Bevormundung ausübt.
Unvergleichlich ist dagegen die Kraft einer klaren Gruppe, in der jedeR Einzelne ausdrücken kann, was die eigenen Interessen am Thema sind, um dann auch die Unterstützung der anderen dazu zu bekommen.

2.) Zukunftswerkstatt

Das Modell der Zukunftswerkstatt wurde aus dem Exil nach Deutschland gebracht. Mit vielen anderen Methoden der Psychologie und der Pädagogik, der neuen Künste und der aufgeklärten Wissenschaft kam das Denken der Menschen zurück, die vor dem Faschismus fliehen mußten. Im Exil hatten die Geflohenen zu begreifen versucht, was in ihrer Heimat passiert ist. Daraus entstanden die Grundlagen für eine Arbeit auf der Basis von Gruppen ohne autoritäre Leitung, die selbst erforschen und begreifen, wie sie arbeiten können und wo ihre destruktiven Fehler liegen. Für solche Gruppen kann die Zukunftswerkstatt eine hilfreiche Methode sein. Sie kann nicht im rivalisierenden System verwendet werden.

Aufbau der Methode
Die Zukunftswerkstatt besteht aus drei gleichen Zeiträumen oder Schritten, einer Vorbereitung und einer Auswertung der Arbeit am Ende. In der Vorbereitung müssen die Interessen der TeilnehmerInnen geklärt werden. Daraus wird ein gemeinsames Thema formuliert und aufgeschrieben. Im ersten Schritt geht es um die genauere und die verschiedenartige Wahrnehmung des Problems: Mit verschiedenen Methoden der Analyse können wir die beteiligten Interessen, die Zusammenhänge und die verschiedenen Anschauungen untersuchen.

Obwohl wir damit sicher nicht fertig werden, gehen wir zur vereinbarten Zeit (nach einer Pause) zum zweiten Schritt, zu unseren Wünschen. In Bildern und Gestaltungen, in Briefen, in imaginären Beschreibungen und Träumen entwickeln wir Modelle, die in dieser Zeit von niemand angegriffen werden dürfen. in dieser Zeit sind Killerphrasen streng verboten: Die Worte "das geht nicht, Das kannst du nicht, das wird nie was..." jede Kritik und jedes kritische Fragezeichen sind untersagt. Die Art der Präsentation in der gruppe sollte dem zukünftigen Inhalt entsprechen. Aber die ganze Gruppe wird Killerphrasen abwehren!

In der dritten Phase setzen wir uns dafür wieder kritisch mit der Realität auseinander: Wie kann ich meinen Wünschen näherkommen? Zur Konkretisierung brauchen wir Pläne, Freunde, Zeit und Mut. Dafür werden wir Planungsbüros einrichten, die gemeinsam eine Utopie zur Verwirklichung vorbereiten, mit Zeitplan, Finanzierung notwendigen Unterstützungen und Kräften. Diese Pläne sollten sehr genau notiert und vorgestellt werden.

Zum Schluss erzählen alle TeilnehmerInnen ihren Arbeitspartnern, was sie in der Zusammenarbeit gefördert hat und wo Schwierigkeiten im gemeinsamen Schaffen lagen. In der großen Runde tauschen wir dann noch aus, welche Bedeutung die Entwürfe für unsere Realität bekommen werden und wie die Moderation für eine Zukunftswerkstatt noch aussehen kann.

Die Arbeitsmethoden in einer Zukunftswerkstatt
können sehr verschieden sein, für heute möchte ich sehr einfache Modelle vorschlagen: Für die erste Phase eine Spinnweb- oder Wurzel-Analyse: Wir schreiben das gemeinsame Thema in die Mitte eines großen Blattes und schreiben oder zeichnen rundherum, wo die Wurzeln des Problems liegen und welche Interessen damit zusammenhängen. Verschiedene Farben und Zeichnungen, Verbindungslinien und Skizzen erleichtern die Vorstellung in der großen Gruppe.
Die Pause vor der zweiten Phase ist wichtig, unsere Gedanken davon wieder zu lösen. Als Methode für die Wunschbilder ein Modell: Versuche, in einem Brief einer Freundin im Ausland zu schildern, wie toll die Situation in Rumänien jetzt, im Jahr 2o12 geworden ist und wie es dazu kam. Du kannst auch malen, wie du dir deine Umgebung wünschst, wie die Welt oder dein Arbeitszimmer darin aussehen wird...

Für die Planungsbüros in der dritten Phase hier ein Zeit-Planungsmodell: Wenn du für den Bau eines Kulturhauses fünf Jahre brauchen willst, was machst du im ersten Jahr? Und was machst du im ersten Monat des ersten Jahres? Was machst du in der ersten Woche des ersten Monats, was am ersten Tag, als morgen?
Du kannst aber auch auflisten, wen und welche Fähigkeiten du zu deinem Projekt brauchen wirst. Alle Hände werden wichtig dabei. In dieser Zeit sind Wunder und Geschenke keine Planungsgrundlage, alles sollte konkret überlegt werden. Die Auswertung am Schluß wird zeigen, wie ernst ihr euch selbst und eure Arbeit nehmt. Ich bin gespannt.

3.) Supervision

Für das Wort Supervision wurde meines Wissens bis heute keine treffende deutsche Ausdrucksweise gefunden. So wird der Begriff international für diesen Vorgang stehen: Eine Person oder Gruppe entschließt sich, für einen bestimmten Zeitraum und zu einem bestimmten Thema sich eine fachkundige Begleitung zu wählen. Die SupervisorIn wird zuerst die entsprechende Vereinbarung mit der Person / Gruppe formulieren. Auch die Bezahlung muß von Anfang an klar sein, um nicht in kritischen Situationen eine Interessensvermengung zu erzeugen.

Von der Ausbildung her ist eine der wichtigsten Grundlagen, daß die SupervisorIn sich nicht in die Arbeit der Gruppe einmischt, sondern aus dem distanzierten Blick die heißen Themen anspricht und die Beteiligten auf der Suche nach Lösungen unterstützt. Der wichtigste Unterschied zu Vorgesetzten aller Art ist, daß nicht gewertet und nicht beurteilt wird, daß alles Gesprochene innerhalb der Gruppe bleibt und daß Konsequenzen nur von den Betroffenen selbst gezogen werden.
Eine Supervision kann Hilfe zu einem bestimmten Abschnitt, zu einer Aufgabe oder einer Krise sein, in qualifizierten Sozial- und Erziehungseinrichtungen gehört sie zur ständigen beruflichen und persönlichen Reflexion.

Politische Supervision
ist eine Arbeitsgruppe innerhalb der Sozialpolitischen Gesellschaft, die zum Einen die politischen Fragestellungen bei allgemeinen und Projekt- Supervisionen und im Bereich der Organisationsentwicklung im Auge behalten will, zum Anderen aber auch speziell an politischen Aufträgen und der eigenen politischen Orientierung arbeitet. So dient sie vor allem dem Austausch der SupervisorInnen untereinander und der Fortbildung von Mitgliedern und Interessierten.

Politische Organisationsentwicklung
Politische Organisationsentwicklung nimmt dazu die Strukturen von Einrichtungen, die Mechanismen von Macht und Verantwortung, aber auch die Probleme von Personal und Personalpolitik in die Arbeit. Dabei kommen die verschiedenen Formen von Verschleiern und Übertünchen, von Tricksen und Überspielen genau so zur Sprache wie Überforderungen, Anmaßungen und Zumutungen, die uns im menschlichen Zusammenarbeiten begegnen.
Ziel der Politischen Supervision und Organisationsentwicklung ist es, dabei neue Hilfen und Rituale zu erfinden, wie wir unsere Wachsamkeit auf uns, unsere Gesundheit und unsere Zufriedenheit in der eigenen Arbeit erhalten, auch wenn alles gegen uns zu laufen scheint.

4.) Pädagogik der Unterdrückten

Die Pädagogik in der Konzeption von Paolo Freire hat zwar seit vielen Jahren breites Echo in Büchern und Artikeln der europäischen Pädagogik-Denker gefunden, aber im Verhältnis zu ihrer südamerikanischen Herkunft relativ wenig praktische Umsetzung. Nach der frühen Diffamierung als marxistisch oder reformerisch (je nach Feindbild) stört die autoritär gelernten Pädagogen vor allem der emanzipatorische Anspruch, von dem sie behaupten, er wäre bei uns nicht zu verwirklichen.
Viele Einrichtungen lassen die frei lernenden Arbeitsweisen tatsächlich nicht zu, weil an festgelegten Katalogen von Wissen und Fertigkeiten festgehalten wird.In einer Welt der Veränderung beginnen allerdings Viele nach den neuen Wegen des Lernens zu suchen.

Kinder würden gerne lernen, weil sie wißbegierig sind. Unser mittelalterlich geprägtes Schulsystem lehrt zwar nicht mehr zwangsweise mit Latein beginnend, aber rigide mit Buchstaben statt mit Erlebnissen und Erfahrungen der Kinderumwelt. So bemühen sich zwar viele LehrerInnen, in diese Welt einzusteigen, aber trotzdem regieren sie Schulraum und Klassenzimmer, Sitzordnung statt Lebensraum.

So erlernen die Kinder im künstlichen Trennen böser Pflicht und schöner Freizeit die erste Entfremdung, von ihren eigenen Interessen. Später müssen sie dann in Urlaub fliegen, um sich von der ungeliebten Arbeit zu erholen. Daß Arbeit aber die eigene, eine lustvolle und selbstverwirklichende Tätigkeit sein könnte, wird somit gründlich ver-lernt. Und alle Beteuerungen, daß es eben eine unliebsame Arbeit gebe, die nu mal getan werden müsse, zementiert diesen phantasielosen Blick, der immer wieder die Erde als Jammertal beweisen will und Entfremdung als notwendig: "Es geht auch anders, aber so geht es auch!"

Ein Modell aus der Praxis der Befreiung: Aktivierende Befragung
In den siebziger Jahren hatte die Kath. Landjugendbewegung sehr großen Erfolg mit aktivierenden Befragungen: Eine Dorf-Gruppe lädt ein, ein Projektgruppe führt die Befragung und einen Gemeindeabend durch, erstellt eine Zusammenfassung und kommt möglicherweise nach vereinbarter Zeit zu einer nach-Frage.
Die Dorfgruppe gestaltet die Ankündigung der Aktion und organisiert Unterkünfte für die Gäste. Die Projektgruppe erstellt einen Fragenkatalog nach ersten Informationen und besucht systematisch alle Anwohner, Entscheidungsträger und Treffpunkte.

In den Fragen nach Lebens-, Arbeits-, Freizeitsituation, Zufriedenheit und Störungen wird versucht, ein wertungsfreies, die verschiedenen Interessen nebeneinanderstellendes Bild des Ortes zu gewinnen. Dieses wird an einem Gemeindeabend der versammelten Einwohnerschaft vorgestellt. In den daraus entstehenden heißen Diskussionen finden sich die Wünsche wiedergespiegelt; um lebendige Konsequenzen zu schaffen werden sich Interessensgruppen bilden.

Die Moderation wird weitere Beratung anbieten oder vermitteln, um aus den Klagen klare Wünsche und Projekte zu entwickeln. Der zusammenfassende Bericht ist ein weiterer Impuls (auch an die, die nicht am Gemeindeabend teilgenommen haben,) sich mit dem Projekt und der sozialen Gestalt des eigene Ortes auseinanderzusetzen. Im Nachfragenden Besuch kann die Weiterarbeit oder auch ein Gegenbesuch als reflektierende Aktion vereinbart werden.

Natürlich ist die Geschichte eines Dorfes nicht in einer Aktion zu bewältigen: Wenn alte Konflikte erstmals öffentlich angesprochen werden, gegensätzliche Interessen auf den Punkt kommen und Macht- oder Moralansprüche diskutiert werden, beginnt etwas Neues. Es braucht viele Befürworter, um sich gegen die Verteidiger der Stille und des Schweigens durchzusetzen.

Die Rolle der Pädagogen
Zur Rolle der PädagogIn gehört für Freire zentral die Bereitschaft zum eigenen Lernen mit der Zielgruppe. So ist es mehr die Anleitung, das Tiefer-Fragen und die Aufgabe des Überblicks, des Reflektierens und Zusammenhaltens als die des Be-Lehrens. Erfahrungsfelder öffnen zu können, die Arbeitshilfen bereitzustellen und gemeinsame Besprechungen anzusetzen kann weit abenteuerlicher sein als die Wiedergabe geschriebener Weisheiten.
Notwendige gemeinsame Basis für dieses Lernen ist die Motivation und der Mut der TeilnehmerInnen, auch Ungewohntes zu erfahren und Neues zu erspüren. Um die Möglichkeiten nicht einzuschränken sollte darauf geachtet werden, daß die PädagogInnen nicht mit Autoritätsaufgaben wie Beurteilung, Aufsichtspflicht und Anwesenheitskontrolle belastet werden.

5.) Das Theater der Unterdrückten

Bewußtseinsbildung in der Theaterarbeit
Mit dem Theater der Unterdrückten hat Augusto Boal eine Methodenreihe nach Europa gebracht, die vor seinem Exil in politischer Theaterarbeit und in der Alfabetisierung entstanden und angewandt worden war. Seine Seminare, vor allem in der SchauspielerInnenfortbildung, aber auch mit offenen Interessiertengruppen organisiert, vermitteln neben den Methoden auch den Kontext der südamerikanischen Herkunft und ihrer politischen Heimat.

Schon das Wort 'Unterdrückung' teilt in der Anwendung in Europa die Reaktionen in Interesse oder schnelle Ablehnung. Gymnasialdirektoren und Institutsleiter wittern schon Agitation oder Probleme mit Vorgesetzten, wenn allein der Titel im Programm auftaucht. Andererseits hat sich inzwischen eine breite 'Welt-Arbeits-Ebene' zwischen Kirchen und Parteien aufgebaut, die diese Worte sofort mit der eigenen Arbeit verbindet und das Theater der Unterdrückten in die eigene Methodik aufnimmt.

Ein weiterer Aufwind für die Verbreitung der Methoden, Theater zu den eigenen Themen selbst zu entwickeln, liegt in der Bereitschaft, vor allem in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung neue musische Formen aufzunehmen. Auf diesem Weg geraten Bewußtseinsbildung und emanzipatorische Pädagogik durch die Hintertür in die weitgehend unreflektierten autoritären Strukturen und erweisen sich als Sprengstoff.

Schon die grundsätzliche Arbeitsweise erscheint vielen Veranstaltern fremd, aber interessant: Mit Körperarbeit einzusteigen, die Befindlichkeit, den Ausdruck und die Gestaltungsfreude anzusprechen und davon ausgehend die Themen vom Persönlichen im Politischen zu verankern, erscheint manchmal als zu hoher Anspruch, läßt sich aber als Arbeitsrichtung sicher definieren.

In dieser Arbeitsrichtung liegt auch der wichtigste Unterschied zu ähnlichen Ansätzen wie Psychodrama und entsprechender Überformungen wie z.B. Bibliodrama, die von einem gemeinsamen Thema in die Tiefen der Person gehen, statt die gesellschaftliche Dimension in den Blick zu nehmen.

Auch TeilnehmerInnen, die keine Vorerfahrungen mit Theaterarbeit haben, sind anfangs vielleicht irritiert:
Von der Anfangsrunde:
Im Stehen von Fußsohle bis Scheitel den eigenen Körper, seine Beweglichkeit und seine Ausdrucksmittel wahrnehmen,
in Partnerübungen so miteinander vertraut werden, daß ein selbstverständlicher Umgang miteinander bis zum
STATUENTHEATER
führen kann... bis zur Darstellung eigener Anteile von Unterdrückung. In den Statuenbildern zum jeweiligen Thema geht es sehr schnell in die persönlich empfundenen Themen, die aber gemeinsame Erfahrung sind.

Diese Bilder lassen sich mit verschiedenen Umgangsweisen verschärfen und vertiefen: In mehreren Folgebildern, in Gegenbildern, mit assoziierten Aussagen oder gesprochenen Gedanken. Dabei steht immer die Suche nach genauerem Verständnis der Szene und den Hintergründen eines Vorganges im Mittelpunkt. Beim
FORUMTHEATER
werden die Statuen um eigene Texte erweitert, um eine Situation dann bewegt auf die Bühne zu stellen. Eine Situation von Unterdrückung wird dem Publikum so vorgestellt, daß eine möglichst klare Beziehung zwischen 'Opfer' und 'Täter' entsteht. Das Publikum erhält durch einen Spielleiter oder Joker die Möglichkeit, in die Rolle des Opfers zu gehen und sie zu verändern. Den Unterdrücker auszutauschen hieße, die Situation künstlich zu entschärfen oder aufzuladen, sehr oft wird auch eine Retterfigur aus dem Publikum vorgeschlagen, die aber eine Emanzipation des Opfers eher verhindern würde.

Mit dieser Methode können vom Joker verschiedene Reaktionsmöglichkeiten erprobt werden, bis das Publikum das Gefühl hat, das Thema bewältigt zu haben. Falls ein Eingreifen nicht möglich erscheint, muß vielleicht der Rahmen der Szene verändert werden: in Bild vorher, eine Unterteilung in mehrere Bilder, ein Folgebild. Manchmal hilft auch eine Ritualisierung, ein Ablauf in Zeitlupe oder mit Zeitraffer, oder die Heraushebung bestimmender Symbole und Verhaltensweisen.

Nachdem ein Thema mit dieser Arbeitsweise erschlossen ist, kann es mit anderen Methoden in dramatische Form für ein weiteres Publikum gebracht werden. Bauerntheater und Volkstheater sind alte Mittel dazu, Modell Lindenstraße eine Neuentwicklung; unsichtbares Theater ist mir vor allem eine Möglichkeit, die Wahrnehmung der SchauspielerInnen an einem ahnungslosen Publikum zu überprüfen.

Im Überblick der schwierigsten Themen der letzten Jahre habe ich einen TABUKATALOG zusammengestellt, eine Faustregel für Unterdrückung und ein Wegweiser zur Kultur des Schweigens:

Der Daumen steht bei den Handlinien für das Ich, in meiner Faustregel für die Sexualität. Keine Lernorte, keine angenehme Sprache, aber gezielte Vermarktung und massive Personenzerstörung durch Anreizung, Moral und Schuldgefühle sind die deutlichsten Anzeichen.

Der Zeigefinger wird für das Du benutzt, in meiner Faustregel für das Thema Geld, das unsere Beziehungen bestimmt. Von den Sprüchen "Geld verdirbt die Freundschaft" und "Über Geld spricht man nicht, Geld hat man" bis zur Frage nach Reichtums- und Klassenunterschieden und das geistige Verbot des Wortes 'Kapitalismus' ist es von Geheimniskrämerei umgeben und könnte unsere Beziehungen sehr gut offenlegen.

Der Mittelfinger ist dem Thema Religion oder auch dem Sinn des Lebens zugeordnet. Entweder das Fertigpack einer Konfession, oder die Do-it-yourself-Version von Atheismus und Freidenkern; Taufe, Initiation, Hochzeitsritus und Begräbnis inbegriffen oder nicht... ein offenes Gespräch jenseits der Vokabeln der Pfarrer ist kaum möglich.

Der Ringfinger ist den längerfristigen Beziehungen zugeordnet, in meiner Arbeit den Themen Krankheit, Tod, Abschied, also den Störungen dabei. Vor allem die Trauer, die Zulässigkeit tiefer Gefühle und ihr gesellschaftlicher Ausdruck sind so behindert, daß Beerdigungen und Abschiede sehr oft in peinlichen Formalismen stekkenbleiben.

Der kleine Finger übernimmt die restlichen Themen von abweichendem Verhalten: Anders sein. Lesbisch oder schwul, behindert oder farbig, andersgläubig oder für eine Gesellschaft unpassend, alle Außenseiter wie auch Berühmtheiten, inbegriffen. Die Angst vor dem Fremden bleibt sprachlos und aggressiv, wird in Witzen und Unterstellungen oberflächlich abgehandelt.

Gemeinsame Eigenschaften aller Tabus: Es fehlt die Sprache, sie wirklich treffend anzupacken, gleichzeitig liegt eine Geschwätzigkeit der Ablenkung darüber. Paulo Freire verwendet die Begriffe 'Mythos' und 'Kultur des Schweigens': Wir haben immer gute Gründe, nicht darüber zu reden. Wenn wir es trotzdem wollen, geht es nicht: Wir kommen vom Thema ab, werden unruhig, müssen rauchen...

Wenn wir plötzlich müde werden, gähnen, Kopfschmerzen bekommen - und auf einmal gar nicht mehr wissen, was wir gerade wollten: dann haben sie gut gearbeitet, unsere Polizisten im Kopf.

Es ist gut, viel über sie zu wissen, aber es ist so unsinnig wie bewaffneter Kampf gegen Panzerwagen, mit Gewalt gegen sie losziehen zu wollen. Weil sie von unserer eigenen Angst genährt sind, können wir sie nur sanft und nach ihren eigenen Prinzipien überlisten.

Bürger beobachten ihre Polizei: Frauen und Männer haben verschieden arbeitende PolizistInnen im Kopf, eine Frauengruppe kommt zuerst einmal tiefer an die persönlichen Themen, aber um so klarer ist dann auch da wieder plötzlich Schluß. Verschiedene Gesellschaftsschichten lernen jeweils eigene Taburahmen, so daß sich gemischte Gruppen helfen könnten... Aber wir haben für jedes Thema unsere ähnlichen Verläufe vorgezeichnet: vermeiden, verkomplizieren, für aussichtslos erklären, anderen die Schuld zuweisen, es durch Erfahrung als naturgegeben hinstellen, ablenken.

Die Palette unserer polizeilichen Eingriffe geht dann von den Umleitungen der Gedanken über die Aufforderung zur Versammlungsauflösung zu den härteren Maßnahmen: Kopfschmerzen, Anspannungen und Krampfungen im Körper, Erkältungen, Migräne etc. bis an die kräftigen Charakterpanzerungen unserer Muskulatur, wie sie Wilhelm Reich im Einzelnen beschrieben hat.

Und damit in die Theaterarbeit?
Zu diesen Themengruppen wird Theater immer interessant und gerät nicht zur leeren Unterhaltung, die diesen heißen Fragen ausweichen muß. Kleingruppen können dazu kurze Szenen oder Statuen entwickeln, die dann im Plenum gemeinsam bearbeitet werden:

1) Ein junger Mann verabschiedet an der Bushaltestelle seine Freundin, trifft dabei eine alte Freundin, sie freuen sich, sich nach langer Zeit wiederzusehen. In einer zweiten Szene sitzt er mit seiner Freundin beim Abendbrot und druckst herum: Daß er die andere wieder getroffen habe, bei ihr zum Abendessen war, dann noch geblieben war, weil sie so viel zu erzählen hatten... Natürlich habe er bei ihr dann übernachtet, natürlich haben sie miteinander geschlafen...(Ende)

2) Ein Student wird von seinen Eltern mit Zuwendungen "in bar" gezwungen, regelmäßig nach Hause zu kommen und ihre Ermahnungen über sich ergehen zu lassen. Die Szene zeigt die monatliche freundliche Geldüberreichung. Eine Steigerung kurz vor der Silberhochzeit der Eltern: Er kommt mit neuem Haarschnitt (kurz, nur eine kleine Locke) nach Hause. Seine Mutter: "Wie kannst du uns das antun..." Er hat seitdem Magenschmerzen.

3) Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb, jeder esse, was er kann... Eine Gruppe von 5 Personen sitzt um einen gedeckten Tisch, sie halten sich die Hände zum kindlichen 'Tischgebet', sind aber in ihren Minen gar nicht lieb: gelangweilt, müde, abweisend... Für die Seminargruppe war das ein sofort klares Bild: das Ritual wurde einiger Kinder wegen eingeführt und mußte von allen mit gemischten Gefühlen mitgespielt werden. Thema dahinter: was wäre ein angemessenes Tischgebet/Essensritual?

4) Eine junge Frau stellt die Trauergemeinde um ein Grab und sich selbst in den Hintergrund. Ihr Freund war beim Motorradunfall gestorben, seine Familile hat sie nicht richtig gekannt, sie ist mit ihrer Trauer alleine.

5) Ein Ausländer sucht eine Wohnung; bei den Besichtigungsterminen fällt er immer aus der engeren Wahl, sobald die Hausverwalter merken, daß er nicht-deutsch ist.

Die Weiterarbeit an den Szenen orientiert sich an den Inhalten oder den Darstellungsformen: Aus den Statuen und Bildern können wir mit Gegenbildern, Folgebildern, Vor-Bildern oder anderen Umgangsweisen klarere Verläufe zeigen: Die TeilnehmerInnen äußern ihre Assoziationen, legen den Figuren Sätze 'in den Mund', stellen offene Fragen. In einer Folge von Bildern kann einE TeilnehmerIn auch versuchen, den 'Fall' zu klären, Verhaltensweisen zu entschlüsseln. In Zeitlupe oder im Zeitraffer kann ein Verlauf in seiner Struktur verdeutlicht werden.

FORUMTHEATER legt das gespielte Kurz-Stück mit Hilfe eineR SpielleiterIn dem Publikum vor und fordert es auf, die unterdrückte Figur zu ersetzen, die Rolle aber möglichst genau aufzunehmen, in der entscheidenden Situation aber dann gegen die Unterdrückung anzusprechen. Wenn ein Publikum nicht nach dem ersten/zweiten Vorspiel reagiert, bekommt es nocheinmal - in verkürzter und vereinfachter Version - das Hauptthema vorgespielt (notfalls mehrmals). Die Aufgabe des Jokers ist das Gespräch mit dem Publikum, in den Fragen nach Kernthemen, Lösungswegen und Verständlichkeit des Problems, bis er den Eindruck hat, das Thema ist genügend präsent und erschlossen.

DER POLIZIST IM KOPF
ist eine Reihe von Methoden, die ähnlich dem Forumtheater auf die Suche nach den Kernen der Unterdrückung geht und in der jeweiligen Situation die persönlichen Anteile und die gesellschaftlichen Bedingungen zu trennen versucht. Voraussetzung ist dabei die Eröffnung des gemeinsamen Spielfeldes, auch der Sprache, um tabuisierte Themen von den persönlichen Grenzen zu lösen und sie der Gruppe als gemeinsame Aufgabe zur Verfügung zu stellen.

Der REGENBOGEN DER WÜNSCHE
versucht, unsere verschiedenen Gefühlsanteile in einer Spielhaltung auseinanderzulegen und als Kombination verschiedener eigener Antriebe nebeneinander und gleichzeitig zu begreifen. Er kann bei etwas Zeit und Ruhe klären, welche gegensätzlichen Mischungen unser Verhalten beeinflussen und unsicher, undeutlich und mißverständlich werden lassen.

Beide Methoden (Polizist und Regenbogen) gehen an die Tabuthemen, um den gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismus aufzudecken und zu zeigen, wie mit dem Verschweigesystem Unterdrückung institutionalisiert wird.

Vier andere Methoden möchte ich nur kurz anreißen:
MÄRCHEN UND SYMBOLGESCHICHTEN
helfen uns, in üblicher Verpackung und Zeichensprache über heiße Themen zu arbeiten. Mythen und Mythologien stehen als Schlüssel zu bestimmten Fragen (Religion, Sexualität...) zur Verfügung. Werden sie wie heilige Kühe behandelt, wirken sie verdummend, werden sie ins Spiel gebracht, können sie hilfreich sein.

NARR UND CLOWN
sind die verzauberten Dummen der Wahrheit. Sie haben besondere Rechte, weil sie weniger 'ernst' genommen werden, sich selbst weiter an tiefe Themen wagen, weniger Ehrfurcht haben und die richtigen dummen Fragen stellen.

ABSURDES
gibt vor allem aus der Literatur die Möglichkeit, ungewöhnliche Worte, Themen, Sätze zu kombinieren und damit zu neuen Ideen zu kommen. Eine Gefahr dabei ist, daß viele Produkte dieser Arbeitsweise 'schön' sind und in ihrer Befremdlichkeit stehenbleiben, ohne zu Konsequenzen zu führen.

VERFREMDUNG
ist z.B. die Verlagerung eines Verlaufs in eine andere Umwelt/Schicht/Zeit... oder eine ähnliche Versetzung eines erkannten Zusammenhangs. Rituale, die wir in einem bestimmten Kontext entwickeln, sind vielleicht in anderer Umgebung unsinnig, menschenfeindlich oder unzeitgemäß. In verfremdeter Darstellung können solche Riten und Gewohnheiten zerlegt werden. Aus den dahinterliegenden Bedürfnissen sollten dann neue Regeln für den gemeinsamen Umgang mit schwierigen Themen gefunden werden.

Für größere, öffentliche Auftritte, habe ich vier Formen parat, die ich mit Beispielen kurz vorstellen will:
BAUERNTHEATER
entwickelt sich mit Landjugendgruppen fast selbständig, wenn sie ihre Bezüge und heißen Themen in Statuen- und Forumtheater vorstellen und kombinieren. Mutter steht am Herd und legt Knödel ein, Tochter kommt von der Kirche heim und erzählt, daß sie ihren Freund Franz - Student und bei den Grünen - vorstellen will, der Vater ist noch am CSU-Stammtisch, Großmutter redet schon vom Heiraten, dann kommt...

MODELL LINDENSTRASSE
entstand mit braven Kirchenjugendlichen, die im Original nicht richtig loslegen wollten. Indem ihnen eine sehr gegensätzliche Rolle (Porsche-Angeber, etwas leichte Mädchen, Alkoholiker, Fiesling, schüchterne E.) mit den Feinheiten: Name, Familienherkunft, Alter, innere Einstellung, Beruf, Lebenssituation -... als vollständige Rolle vorgegeben wurde (oder mit eineR PartnerIn entwickelt werden konnte), kann die Gruppe im Nu jeden aktuellen Impuls aufgreifen und zu jedem Thema aus diesen Rollen improvisieren (Abtreibung, DDR, EG, Asyl...). Als "Jugendgruppe St. Anton" spielen sie seitdem regelmäßig in verschiedenen eigenen Veranstaltungen.

VOLKSTHEATER
ist in der Anlage dem Bauerntheater ähnlich, geht für mich aber auch in andere Zeiten und andere Schichten: Ob geschichtliches, herrschaftliches, proletarisches, hat Volkstheater schon immer die Aufgabe und den Reiz der heißen Themen gekannt, bevor es für die reine Unterhaltung als dümmlich-witziges Spielen kastriert wurde.

STRASSENAKTIONEN
haben den Anspruch, ein Thema "richtig rüberzubringen". Das Problem der Rüstungsexporte führte auf dem Katholikentag Aachen 88 zu einer "Wallfahrt der Rüstungsindustrie" für mehr Kriege und Spannungsfelder, in der ein riesiges goldenes Kalb verehrt und mit Musik und Litaneien (Money makes the world go around) durch die Menge der staunenden Gläubigen zog.

Die erste Aufgabe der Theater- und Schauspielausbildung ist WAHRNEHMUNG ÜBEN. Dazu gehört, genauer zu schauen, wo man annimmt, schon zu wissen; genauer zu hören, zu spüren, weiter zu forschen. Dazu gehört auch, die gelernten Konventionen zu verlassen und nach den Grenzen als Aufgabe zu schauen. Die auftretenden Irritationen sind nicht immer leicht auszuhalten, darum ist sicher eine Gruppe oder ein Projekt nötig, nicht selbst irre zu werden, sondern den Irrsinn unserer Gesellschaft klar zu erkennen. Mit den Stufen des BEGREIFENS, WAS IST beginnt die Grundlage für BEWUSSTSEIN BILDEN als Weg zu VERÄNDERUNG LERNEN.

BEGREIFEN, WAS IST
heißt in unserer Arbeit, das Wahrgenommene in die eigene Lebenssicht einzuordnen und die Schnittstellen zur Sicht anderer Personen und zu ihren Mythen und Ideologien abzugrenzen. Es heißt auch, das eigene Bild der Anderen zu untersuchen, wobei uns das UNSICHTBARE THEATER behilflich sein kann. Wir schätzen Reaktionen eines Publikums ein, das nicht von unsererem Theaterspiel weiß, und erleben dann seine wirkliche Art, uns zu antworten. Unsichtbares Theater ist dazu wichtig, wenn wir Themen der Unterdrückung aufgreifen, die bei uns hierzulande viel tiefer im Psychologischen als im Militärischen angesiedelt sind und natürlich entsprechend tabu. BEWUSSTSEIN BILDEN ist für mich der ständig wache Anspruch, auf mich einwirkende Impulse in meine Lebenssicht einzuordnen und meine Art des Umgangs damit auch im Blick zu behalten. Dazu gehört selbstverständlich vom kleinen Zusammenhang von Haushalt und Ökologie bis zu internationalen Themen und Weltordnungsansprüchen die gesamte Spanne von Zusammenhängen und Themen. Die Bescheidenheit der eigenen Ansprüche kommt beim Versuch VERÄNDERUNG LERNEN bald dazu: Wenn ich mein eigenes Verhalten, meine Stimmungen und meine Muster kenne (und mit Hilfe anderer genauer kennenlerne), kann ich die ersten Schritte meiner Veränderungen erlernen.

Ein schönes Modell in diesem Bereich ist die Arbeit von Moshe Feldenkrais: Bewußtsein durch Bewegung, die für mich durchaus schnell in die politische Situation und Arbeit zu übersetzen ist: Je genauer ich meine eigenen Verhaltensweisen kenne und je genauer ich die Situation anderer einschätzen kann, umso genauer kann ich auch meine politische Tätigkeit ansiedeln, um von meiner Veränderung zur Änderungshilfe für andere zu kommen. Das ist für mich die Grundlage, BEFREIUNG zu ERMÖGLICHEN, sowohl für mich, uns, als auch für andere. Befreit werden müssen dabei nicht nur Unterdrückte, um zu gerechten Lebenschancen zu kommen; befreit werden müssen vor allem auch Unterdrückte, um aus phantasielosem Konsum zu einem freieren solidarischen Leben zu gelangen.

Weiterführende Literatur

Zur Themenzentrierten Interaktion (TZI)
Ruth C. Cohn: Es geht ums Anteil nehmen, Herder Verlag
Schulz von Thun: Miteinander reden 1+2 Rowohlt (rororo)
Reihe im Matthias Grünewald Verlag Mainz, verschiedene Autoren:
1. Erfahrungen lebendigen lernens
2. Gruppenarbeit: Themenzentriert
3. Auf dem Weg zur arbeitsfähigen Gruppe
Barbara Langmaack: Themenzentrierte Interaktion, Psychologie Verlags Union

Zur Zukunftswerkstatt
Robert Jungk, N. Müllert: Zukunftswerkstätten Goldmann-Taschenbuch,
Robert Jungk: Katalog der Hoffnung: 51 Modelle für die Zukunft, Luchterhand Literaturverlag Frankfurt 1990

Als Utopiemodell:
bolo´bolo, Autor: p.m., endgültige Ausgabe, PARANOIA CITY; Zürich, inzwischen im Netz: http://www.baraka.de/bolo-bolo/idee.html

Zur Supervision
Reinald Weiß: Bühne Frei für eine politische Supervision, AG SPAK München

Zur Pädagogik der Unterdrückten
Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten FISCHER TB
Joachim Dabisch und Heinz Schulze: Befreiung und Menschlichkeit, Texte zu Paulo Freire, AG SPAK München 1991

Zum Theater der Unterdrückten
Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, SUHRKAMP, Frankfurt
Bernd Ruping (Hrsg.): "Gebraucht das Theater,Die Vorschläge von Augusto Boal: Erfahrungen, Varianten, Kritik" bei: Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung , Küppelstein 34, 5630 Remscheid 1 (1991, vergr.)

Non-Violent-Action wird manchmal mit Gewaltfreier Aktion, manchmal als Gewaltlos übersetzt. Im Gegensatz zur deutschen Version erfordert die englische Wortkombination das aktive >Action<, während man sich im Deutschen auf der Eigenschaft ausruhen kann.

  • Diese Zusammenstellung entstand anlässlich einer Deutsch-Rumänischen Begegnung im Sommer 92 in Wilhelmsaue nahe der Oder, zu der die Bildungswerkstatt Brandenburg Studentensprecher, JournalistInnen und Interessierte aus den beiden Ländern eingeladen hatte. Der Text geht zum Teil auf die vorangegangene Arbeit über rumänische und deutsche Geschichte in unserem Seminar in Wilhelmsaue ein. In Rücksicht auf die Übersetzung habe ich die Darstellung stark vereinfacht.