bildungswerkstatt brandenburg e.V. otto-nuschke- (heute wieder: Linden-)str. 53, o- 156o POTSDAM, 28. nov 1991 fz ' PRESSEINFORMATION - historische Dokumentation

MORGEN; KINDER, wird´s was geben... OST-WEST-TAGUNG ZU SOZIALPOLITISCHEN PROBLEMFELDERN

6. bis 8. Dezember 1991 findet in Potsdam eine bundesweite Tagung der Arbeitsgemeinschaften Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK) mit der
Bildungswerkstatt Brandenburg statt, in der selbstorganisierte Gruppen in den folgenden Arbeitsbereichen ihre Erfahrungen austauschen werden:
SOZIALARBEIT / SOZIALPOLITIK
GESUNDHEIT UND PSYCHIATRIE
BEHINDERUNG UND GESELLSCHAFT
SELBSTVERWALTUNG / ALTERNATIVE ÖKONOMIE
PÄDAGOGIK UND JUGENDARBEIT
Auf mehrfache Anfrage wird wohl auch der Bereich AUSLÄNDERiNNENARBEIT und ein Bereich ARBEITSLOSENINITIATIVEN auf der Tagung als Arbeitsgruppe eingerichtet.
HAUSBESETZUNG UND MIETERSITUATION wird aus aktuellem Anlaß für die Stadt Potsdam und den Tagungsort bearbeitet werden.

Die Tagung findet in der besetzten VILLA BERTINI, Bertinistr. 16 am Jungfernsee, ganz am Rande der Stadt hinter dem Schloß Cecilienhof statt.
Der öffentliche Teil beginnt am Freitag, 6. 12. 91 19 Uhr mit einer Einführung zur Geschichte der Selbstorganisation in den letzten 2o Jahren.
Dann beginnen Arbeitsgruppen, die Themen für den folgenden Tag vorzubereiten.
Samstag, 7.12.91, 1o bis 19 Uhr werden die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse öffentlich vorstellen. Verpflegung und Pausen für Spaziergänge sind eingeplant. Kinderbetreuung ist möglich, soll aber bitte vorgemeldet werden. Am Sonntag werden die Arbeitsgruppen gemeinsame Projekte für 1992 planen.
Fritz Letsch 12.12.1991

Schlußbericht zum Aufbau der Geschäftsführung in der bildungswerkstatt brandenburg e.v. in Potsdam


September bis 15. Dez 1991 rbb-f-fs-55/91
Die bildungswerkstatt brandenburg wurde im Nov. ´9o gegründet und im März ´91 Mitglied im buntstift. Drei ABM-Kräfte arbeiten seit August 91 daran, sich von der Entwicklung bis zur Abrechnung politischer Bildungs-maßnahmen kundig zu machen und gleichzeitig die ersten eigenen Projekte durchzuführen.

Daneben vertraten Vorstandsmitglieder die bildungswerkstatt nach außen und bei buntstift, besuchten den DDR-Beirat, verhandelten mit Bündnis 9o und der Landeszentrale für politische Bildung und entsprechenden Stellen.

Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, den MitarbeiterInnen, aber auch etlichen Verhandlungs- und KooperationspartnerInnen die Grundlagen der politischen Bildung vom Begriffsfeld her, von den Richtlinien der verschiedenen Behörden her und ihre Bedeutung im Kontext der DDR-Geschichte für die heutigen Länder zu vermitteln und zu ergründen.

Dazu diente mir zum Einen meine Geschichte mit den grün-nahen Stiftungen, die allerdings bei Bündnis 9o auf taube Ohren stieß: Die Landtagsfraktion Brandenburg gründete in ihrer Selbstherrlichkeit die parteieigene "Grundtvig-Stiftung" die zwar nicht in Gang kommt, aber 17oT Globalmittel des Landes für eine ökologische Mittelstandspolitik verwenden will.

Zum Zweiten waren Erfahrungen vom (verfahrenen) Aufbau in Bayern einzubringen: Arbeitsplatzbeschreibungen, Teamorganisation, Arbeitsabläufe bis zur konkreten Projektorganisation mit ihren vielen Ausnahmen zwischen Idee, Antrag, ReferenteEn, Tagungshäusern und Werbung.

Ein Drittes wird sich noch in der nächsten Zeit breiter entfalten: Die Methoden alternativer politischer Bildung sind sehr gesucht und gefragt. Die Schulung und Weiterbildung für Pädagogen und Projektmitarbeiter wird noch als eigener Arbeitsbereich zu entwickeln sein.

Weitere Bereiche und Arbeitsfelder wären noch in Mengen aufzuzählen. Zwischen Kultur- und Sozialpolitik, AusländerInnenarbeit und neuer Armut, Arbeitslosigkeit und Abwicklungspolitik wären jeweils Bände zu schreiben, eine kurze Würdigung in diesem Bereich ist mit meiner Wessi-Sprache auch immer eine Verkürzung: Die Worte sind nicht die gleichen, vor allem wenn wir sie ähnlich benützen meinen wir doch oft etwas ganz anderes.

Besonders spannend werden noch die Verarbeitungen mit Hilfe von Geschichts- und Zukunftswerkstätten. Das gute Echo der Lernwerkstätten habe ich schon angesprochen, bei Theaterarbeit ist es ebenso. In manchen gemischten Gruppen von AusländerInnen, Abgewickelten und Solidarischen entsteht immer wieder das Gesellschaftsbild "der verlorenen Zeit": Die Trauer um verlorengegangene Elemente der alten DDR wird nicht durch Konsum und Erneuerung verdrängt, weil dafür entweder nicht genug Geld oder nicht der entsprechend verdorbene Geschmackssinn vorhanden ist.

So ist auch in der Rechtsradikalismusfrage zumindest bei unseren TeilnehmerInnen sehr wach und differenziert vor Augen, was die eigenen Anteile des Wegschauens und Verdrängens betrifft. Verständnislosigkeit steht aber den organisierten Krawallen gegenüber: Kein Wunder, sie sind von den FAP-Zentralen in Augsburg und München aus organisiert.

Die AusländerInnenarbeit war auch schon vor Hoyerswerda in der DDR ein Randbereich, in dem nur die direkt befreundeten und betroffenen Personen auf Dauer solidarisch mitarbeiten. Neben studentischen Kreisen waren das in einigen Fällen auch Kirchengemeinden, selten auch Betriebsgruppen und Sozialeinrichtungen. Vor allem die Selbstorganisation zwischen Rechtsberatung, gegenseitiger Unterstützung und kulturellem Austausch war hier unser Ziel, aus dem Austauch kann auch eine tiefere Verbindung für die breitere Solidarität wachsen.

Im Frauenbereich ging es hauptsächlich um Projektberatung, da viele der bisher kompetenten Frauen in den Ministerien verschwunden sind. Ob die Mobilisierung gegen den § 218 (kurz vor Weihnachten) Erfolg hat, wage ich zu bezweifeln, aber was weiß der Wessi?

Was ich dagegen sicher abschätzen kann, ist der allmähliche Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit. Zumindest im Potsdamer Raum ist die Bekanntheit und das Interesse an unserer Arbeit schon groß, die "Provinzen" sind dagegen weit und wenig strukturiert. Das nächste Jahr soll dort ein Schwerpunkt gesetzt werden.

In den anderen Ländern passiert so ganz allmählich auch etwas: Nach vielen kurzen Gastspielen der Böll-Stiftung ist das Interesse an eigenen längerfristigen Projekten erwacht, nur finden sich hier im Dschungel der Parteien und Oppositionsgrüppchen die Interessenten immer nur in kleinen Kreisen. Die Arbeit der Staatssicherheit ist immer noch zu spüren, und vor allem die Aufdeckungen der letzten Zeit rissen wieder alte Wunden auf.

Ich möchte hiermit noch allen danken, die meine Arbeit hier ermöglicht und unterstützt haben, auch für die Geduld, daß ich schwer erreichbar geworden bin. Wenn nun die Ideen weiterwachsen liegt das ganz sicher an dem sehr guten persönlichen Stil, den ich hier angetroffen habe und den ich bei uns (in Bayern) leider nur selten so spüre.

Ob ich mich nach dem Alten Fritz nun auch hier ablege?* Fritz Letsch

  • Damals begannen die Kohl'schen Feierlichkeiten zur feierlichen Grablege des in Hohenzollern zwischengelagerten Königs ...