Eine Biografie ist nicht nur Personen-Geschichte, sondern immer auch - sogar in den Ausblendungen - Zeitgeschichte und eine Umgangsform damit.
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Wie wir und unsere Familien uns in der Zeit bewegen, wirkt auch auf Generationen:
Nachkriegskinder, Kriegsenkel, Opfer- wie Täter-Kinder haben in je ihrer Generation ihre Anpassung und ihre Auswirkungen,
oft die Ängste der Eltern und Großeltern, die unbewusst weitergegeben wurden.

Bewusstsein und Geschichtsarbeit entstehen nur im offenen Dialog: Belastungen ertragen keine Schuldzuschreibung, Täter und Kinder leiden wie Opfer und Kinder: Ihre Enkel und Urenkel beginnen dann später langsam zu verstehen, wenn sie noch an die Informationen kommen.


Ein schönes Beispiel aus alter Bekanntschaft:

Beim Festival umsonst & draussen in Vlotho / Porto Westphalika kreuzten sich unsere Wege intensiver, als bei all den Sessions um Embryo & Co vorher:
Bis zur Arbeit an Finanzen und Kasse, das Geld der gemeinschaftlichen Festival-Einnahmen Kübel- und Kistenweise im Feuerwehrauto zur Sparkasse zu fahren, die Freaks in bester Zusammenarbeit mit den örtlichen Einrichtungen: Gelebter Anarchismus als Ordnung.

http://www.julius-schittenhelm.de/IchBinKeinVolk.html

Schwabinger Krawalle 1962 / Julius Schittenhelm: Ich bin kein Volk S.85-86
Nach einer Woche, in der wir uns um die Ereignisse auf der Leopoldstrasse nicht gekümmert hatten, wollten wir auch mal wieder einen Kaffee und ein Bier im Schwabinger Nest geniessen. Es war ruhig auf dem Boulevard, die Tische standen draussen, kein besonders starker Verkehr. Friedlich redeten und tranken wir in der Abendsonne, als plötzlich gegen acht Uhr ein Pulk Bullen, hoch zu Ross, aus der Stadt kommend, auf den Fahrbahnen daher klapperte.
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Die Gehsteige waren wie leer gefegt, wir verzogen uns in das Café, der Wirt kurbelte die Scheibe hoch und schloss die Türe ab.
Es wurde dunkel draussen, kein Mensch weit und breit, wie man durchs Fenster sehen konnte, aber irgendwie war die Situation bedrohlich. Wir wären längst heim gegangen, wenn wir nicht gefürchtet hätten, dadurch in Schwierigkeiten zu kommen.
Etwa um zehn Uhr erschien ein mit Lametta geschmückter Polizei‑Offizier vor der Türe und wurde eingelassen. Er sprach:"Meine Damen und Herren, wir müssen jetzt die Lokale an der Leopoldstrasse räumen. Sie haben freien Abzug. Gehen sie bitte im Gänsemarsch aus dem Lokal nach rechts und verlassen Sie durch die Trautenwolf‑Strasse den Bereich der Leopoldstrasse."

Was blieb uns übrig?! Schätzungsweise dreissig Gäste verliessen also, einer hinter dem anderen, das Nest in die angegebene Richtung. Als wir in die Seitenstrasse einbogen, erwarteten uns dort an die zwanzig Bullen, die eine Gasse bildeten und, während wir hindurch liefen, wie die Irren mit Knüppeln auf uns einschlugen. Ich ging zu Boden, meine Hose war zerrissen und Doktor Francke stellte am nächsten Tag zehn Blutergüsse an Kopf und Schultern fest. Eine Dienstaufsichts‑Beschwerde blieb trotz Einschalten eines Anwalts ohne Wirkung. Dodo bekam, vielleicht weil sie eine Frau ist, nicht so viel ab.

Dieses Ereignis liess mich nicht kalt, wie man sich vorstellen kann. Es war eine Demonstration des Obrigkeitsstaates, den ich überwunden glaubte, und ich vermutete folgerichtig, dass ein Grossteil der Polizei nach wie vor faschistoid sei. Ich wurde sozusagen schlagartig politisiert und verlor jedes Vertrauen zu Politik und Staat.